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10th Edition Mar 11 – 15, 2026 Innsbruck, Austria

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News, 09.02.2026

Achtung Triggerwarnung?

Einführung von Content Notes

Achtung Triggerwarnung?

Das DIAMETRALE Filmfestival versteht sich als Ort für Experimentelles, Komisches und Absurdes. All das wird künstlerisch auf verschiedenste Weise verarbeitet und dargestellt. Dabei kann es immer auch sein, dass Inhalte verstören, einem nicht gefallen oder auch anders verstanden werden, abseits der eigentlichen Intention. Welche Inhalte das konkret sein können, ist dabei individuell. Es hat sich in den letzten Jahren in der Populärkultur und folglich auch in Filmen und bei Filmfestivals die Praktik der sogenannten „Triggerwarnung“ durchgesetzt. „Triggerwarnungen“ warnen dabei meist sehr allgemein, z. B. vor gewaltvollen Darstellungen. Der benannte Trigger soll Menschen davor schützen, dass sie Flashbacks erfahren, sprich es zu einer „Reaktualisierung der traumatischen Situation kommt“. Problematisch ist aber die dadurch verkürzte und durchaus falsche Vorstellung von Traumata und Traumabewältigung, da man sich mit so einem Zugang abseits wissenschaftlicher, psychosozialer und therapeutischer Standards befindet. Positiv an diesem Diskurs ist jedoch eine erweiterte Anerkennung der Vulnerabilität von Menschen und benachteiligten Gruppen, aber mit der Folge, dass der aus dem klinischen Kontext stammende Traumabegriff unscharf wird. In der Praxis werden Warnungen meist sehr unkonkret ausgesprochen, wie z. B. „Achtung Triggerwarnung” oder “Achtung sexualisierte Gewalt“. Es bleibt unklar, wer hier wen vor welchen Inhalten, vor welchen Situationen warnt. Zusätzlich wird davon ausgegangen, dass Menschen mit Gewalterfahrungen per se von Gewalt „getriggert“ werden.

Es lohnt sich an dieser Stelle, die Genese von Begriffen und den Kontext, in denen diese verwendet werden, anzuschauen, statt diese einfach zu übernehmen: In der Psychologie versteht man unter einem Trigger „etwas“, das eine traumatische Erfahrung bei einer Person wachruft. Jedoch ist ein Trigger für jeden etwas komplett anderes, immer unbewusst und kann – muss aber nicht – mit der traumatischen Erfahrung zu tun haben, wie bestimmte Gerüche, Geräusche oder Situationen und Umgebungen. Es ist so individuell, dass man z. B. im Kontext von Filmen schlussendlich keinen Schutz bieten kann, da man nicht weiß, ob nicht eine bestimmte Musik bei Menschen einen Flashback hervorrufen könnte. Wenn man nun sehr allgemein vor Gewalt warnt, geht man davon aus, dass Gewalt per se triggert. Wenn man konkrete Situationen herausgreift, wird definiert und fremdbestimmt, was für Betroffene als Trigger zählt und was nicht. In manchen Deutungen wird sogar davon ausgegangen, dass selbst einzelne Wörter und Darstellungen nicht nur Trigger sind, sondern selbst Auslöser von Traumata. Mit der Forderung, dass jede Konfrontation vermieden werden soll. Das würde allerdings auch bedeuten, sich komplett isolieren zu müssen. Zusätzlich ist zu bedenken, dass „Triggerwarnungen“ ungewollt Paradoxes auslösen können: Sie können bei einigen Menschen Ängste auslösen, bei anderen wiederum Interesse – auch bei Betroffenen – hervorrufen, oder es kommt zum Nocebo-Effekt. Dieser ist vergleichbar mit dem Placebo-Effekt und kann dazu führen, dass die „Triggerwarnung“ selbst Angst auslöst. Die Warnung weckt negative Erwartungen, und diese werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Ich bekomme Angst, dass ich Angst bekomme. Okay, aber was heißt das jetzt für unsere Praxis als Filmfestival?

› Angelehnt an die Praxis von gängiger Psychotherapie verfolgen wir einen konstruktivistischen Ansatz. Statt allgemein vor Inhalten zu warnen, möchten wir hier konkrete Tipps anmerken und unseren Zugang veranschaulichen.

› Wer sich bei gewissen Themen unsicher fühlt, kann sich überlegen, Filme nicht allein zu schauen, sprich mit guten Freund*innen. Dadurch hat jede*r die Möglichkeit, sich im Anschluss auch darüber auszutauschen. Es besteht bei uns immer auch die Möglichkeit, jederzeit den Film zu verlassen.

› Wir verzichten bewusst auf Begriffe wie „Achtung“ und „Warnung“ und versuchen genauere Beschreibungen und Hinweise zu geben, sollten die Titel nicht für sich selbst sprechen. Wir sehen auch eine Verantwortung bei den Besucher*innen selbst, sich vorab Infos einzuholen, wenn bekannt ist, dass man auf bestimmte Themen sensibel reagiert.

› Final möchten wir darauf hinweisen, dass das Medium Film für uns ein politisches ist. Es geht uns also auch darum, emotionale Herausforderungen zu ermöglichen, aus der Komfortzone herauszutreten und Debatten anzuregen, damit gesellschaftliche Themen gemeinsam diskutiert werden können. Um aber dennoch auf ambivalente Inhalte oder starke Filmeffekte (Stroboskop) hinweisen zu können, haben wir uns für die Einführung von Content Notes entschieden (inspiriert vom Crossing Europe Filmfestival Linz): Dafür verwenden wir ein Zahlensystem, welches Themen benennt, wie sexualisierte Gewalt, Diskriminierung oder Drogenmissbrauch. Das Zahlensystem hat den Vorteil, dass jede*r für sich selbst entscheiden kann, ob er*sie in der nachfolgenden Legende nachsehen möchte, für welche Themen die Zahl steht.

Wohlgemerkt: Die Themenliste verspricht keine Objektivität, die für alle gleich gültig sein kann. Darüber hinaus beinhaltet die Themenliste auch keine Garantie auf Vollständigkeit.

Dieser Beitrag ist auf Grundlage von Expertise und Erfahrungen von eigener psychosozialer Arbeit entstanden. Dabei wurden auch folgende Literatur und Links verwendet.

Quellen:

› Bete, Shotko: Psychologie über Triggerwanungen: Anmaßend, weil fremdbestimmend 2023-01-27: Online unter ( https://taz.de/Psychologe-ueber-Triggerwarnungen/!5907830/)[https://taz.de/Psychologe-ueber-Triggerwarnungen/!5907830/] , 01.02.2026

› Rondot, Sarah: Wie sinnvoll sind Triggerwarnungen? o.Z. Online unter: ( https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/wie-sinnvoll-sind-triggerwarnungen-100.html)[https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/wie-sinnvoll-sind-triggerwarnungen-100.html] , 01.02.2026

› O.A. Triggerwarnungen in den Medien verfehlen laut Studien oft ihren Zweck: 2023-01-11 Online unter: ( https://www.deutschlandfunk.de/triggerwarnungen-in-den-medien-verfehlen-laut-studien-oft-ihren-zweck-100.html)[https://www.deutschlandfunk.de/triggerwarnungen-in-den-medien-verfehlen-laut-studien-oft-ihren-zweck-100.html] , 01.02.2026

› Berendsen Eva; Cheema Saba-Nur; Mendel Meron (Hg): Trigger Warnung. Identitäspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen: Zweite Auflage, 2019 Berlin.